Tobias von Lindstedt
[/u]Von der Kuppel des Hügels sah ich hinab zur Schlacht, neben mir mein General, dessen Adjudant ich war. Von der dichten Wolkendecke stürzte der Regen hiernieder wie ein Sturzbach. Stolz beschauten wir, wie diszipliniert und wagemutig sich die Truppen in den Kampf stürzten, die Ketzer niedermähten wie ein Bauer das Heu, vernahmen das Donnern der Drachenkanonen, die tiefe Schneisen in die feindlichen Truppen schlugen und sahen wie vactinische Soldaten starben auf dem Schlachtfeld, durchbohrt von den Piken des Feindes, getroffen von den Kugeln aus seinen Musketen, zerfetzt von dessen Kanonen, ersoffen im Schlamm.
All das erfüllte mich mit Stolz, denn ich wusste, daß ich auf der rechten Seite stand, daß es Theus Will war, daß wir die ketzerischen Objektionisten besiegten.
Ich sah die fromme Kampfeswut unserer Truppen und wusste, daß es rechtens war.
Doch als die Schlacht gerade ihren Höhepunkt nahm, da brach die Wolkendecke auf und ein einzelner Lichtstrahl drang durch. Er berührte nur ein kleines Fleckchen Erde auf dem Schlachtfeld, gleich so als wenn Theus uns etwas zeigen wollte.
Ich schaute genauer hin und was ich sah, ließ mir den Atem stocken.
Zuerst nahm ich nur das übliche Gefecht war, sah die von Haß und Wut und Angst verzerrten Gesichter, die Leichen im Schlamm, die von Schlamm und Blut verkrusteten Waffen und Rüstungen, die schon unkenntlichen Wappen. Doch dann sah ich es.
Es war ein Gesicht, mir vage vertraut. Es schien Jahre her, seit ich es das letzte Mal gesehen habe. Der Haß und die Angst hatten es so verzerrt, daß ich es kaum beachtet hätte. Aber irgendwann schien dennoch so vertraut.
Und dann wurde es mir bewusst: Es war mein Bruder, der da unten stand, umringt von unseren Männern und um sein Leben kämpfend. Nicht mal mehr eingreifen konnte ich, als ein Soldat von hinten mit seinem Speer meinem eigen Fleisch und Blut das Lebenslicht auslöschte.
So stand ich da auf dem Hügel und während der Sturm unten tobte, tobte auch ein Sturm in mir.
Die Schlacht war schon lange vorbei, als ich noch immer da oben stand. Erst in der Nacht ging ich hinunter und suchte ihn, meinen Bruder. Zwei Tage und Nächte ohne Schlaf und ohne Essen und ohne Trinken lang suchte ich zwischen den Toten umher, stand zwischen den Waisen und Leichenplünderern. Doch all das kümmerte mich nicht.
Entkräftet schließlich fand ich ihn. Nicht mal mehr seine Kleidung hatten ihm die Aasgeier gelassen.
So hielt ich ihn in den Armen und trauerte und weinte und schrie meine Wut hinaus.
Warum hatte Theus mir das gezeigt? Was war das für ein Gott, der einem gegen seinen eigenen Bruder kämpfen lässt?
Mein Glaube zerbrach an diesem Tag.
In der Nacht hockte ich noch immer da, seinen Leichnam in den Armen und nie werde ich den Blick aus seinen gebrochenen Augen vergessen und ich sah nach oben und sah den schönsten Sternenhimmel, den ich je geschaut habe und der volle Mond tauchte das Schlachtfeld in ein kaltes gespenstisches Licht.
Am nächsten Morgen dann beerdigte ich den Leichnam und bettete ihn zur letzten Ruhe.
Dann zog ich los.
Kein Ziel hatte meine Reise, zumindest kein weltliches. Ich ging und ging und ebenso wanderten meine Gedanken. Ich erinnerte mich an alles, was ich getan hatte und wofür ich gekämpft hatte.
Tobias lautet mein Name und mein Bruder hieß Peter. Geboren waren wir beide von dem Baron Falk von Lindstedt und dessen Frau Sieglinde in Wische. Es sind gute und gläubige Eltern, die ich habe, und sie sind stolze Vactinier. Streng war die Hand meines Vaters und mild die Hand meiner Mutter.
Nur kurz war der Baron im Krieg gewesen, denn eine Musketenkugel hatte sein Knie zerschmettert. Als gläubiger und frommer Mensch sah er es als seine Pflicht, mich und Peter zu würdigen Vertretern seiner Selbst zu erziehen.
So genoß ich eine harte Erziehung und nicht nur im Kampfe wurde ich geschult, sondern auch in Glaubensfragen. Seit Kindesbeinen an wurde uns gepredigt, daß die Objektionisten verachtenswerte Ketzer waren, die vernichtet werden müssten. So wolle es Theus.
Doch mein Bruder war nicht so gehorsam wie ich. Ständig rebellierte er gegen unsere Eltern und bezeichnete unser beider Leben als Käfig, aus dem er ausbrechen wollte.
Doch schließlich wurde ich fortgeschickt, als ich alt genug war und ließ meinen Bruder zurück. Man schickte mich zur eisenfürstlichen Universität für Strategie und Taktik, welche mir den richtigen Schliff für den Kampf gegen die Ketzer geben sollte. Meine Lehrmeister schürten meinen Hass noch weiter und kaum konnte ich den Abschluß erwarten, um endlich mein Schwert in objektionistisches Blut zu tauchen.
Der Tag kam eher als erwartet und zugewiesen wurde ich der Armee von General von Ebersberg zugeteilt und ihm als persönlicher Adjudant. Es war eine Stelle, die mich mit Stolz erfüllte, denn nun konnte ich noch mehr gegen die Ketzer tun.
Der General war ein Freund meines Vaters, und er überreichte mir den Panzerhandschuh, der schon seit unzähligen Generationen in unserer Familie ist.
Mit Stolz und hartem Hass im Herzen zog ich aus, den Feind zu bekämpfen und Theus Wille zu verkünden.
Mit einem leeren Herzen kehrte ich zurück.
Doch schließlich wachte ich auf. Ich war nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern inmitten von Leuten, alle mit gebrochenem Blick der Toten gleich.
Ich war ein Waise.
Doch warum war ich aufgewacht? Von weitem sah ich den Turm einer Kirche. Doch als ich näher kam, sah ich, daß es eine Ruine war.
Als ich hineinging sah den Altar, der noch wie durch ein Wunder intakt war und das Kreuz des Propheten darüber.
So kniete ich nieder und betete und fragte nach Antwort auf all meine Fragen. Was wollte Theus?
Dann sah ich es. Ich sah nicht die Schlachten, sondern das Feuer, welches sie vorantrieb. Dieses Feuer wurde nicht vom gerechten Zorn Theus genährt, sondern vom Wahnsinn Legions. Es war nicht Theus Schuld, daß mein Bruder starb, sondern es war dieser Wahnsinn, der ihn in den Krieg gezogen hatte, so wie mich und meinen Vater.
Dieser Wahnsinn hatte viel zu viele Opfer gekostet.
Neugeboren ging ich hinaus, denn nun wusste ich, was ich zu tun hatte.
Im Hinterzimmer der kleinen Kirche sah ich überall verstreute Gewänder und aufgebrochene Kisten und Schränke.
Ich legte hier meine alte Uniform ab und tauschte sie gegen die Kutte eines Mönchs, denn so einer hatte hier offenbar die Predigten gehalten, ehe er geflohen oder gestorben war.
Draußen vergrub ich mein altes Gewand, doch brachte ich es nicht über das Herz meine alten Waffen auch für immer herzugeben.
So wickelte ich sie in Leinen und ging hinaus in die Welt, um Theus Willen kundzutun, den Wahnsinn und Haß zu bekämpfen und denen beizustehen, die sich nicht selber helfen konnten.
Äußere Erscheinung: Auch wenn Tobias gerade mal 21 Jahre alt ist, so sieht er doch eher aus wie 40. Seine Erlebnisse während des Krieges haben sein ehemals brünettes Haar ergrauen lassen. Seine Frisur ist kurz und stets ordentlich gekämmt. In seinem vom Wetter stark gebräunten Gesicht prangt eine gewaltige Narbe, die dicht an seinem linken Auge von oben nach unten verläuft (ein Andenken an den Krieg, was ihm ein Schrapnell verpaßt hat). Er hat ein ausgeprägtes Kinn und einen recht muskulös gebauten Körper. Wären nicht die Narbe und die blauen Augen, die den Eindruck erwecken, als hätten sie schon zuviel gesehen, könnte man ihn als attraktiv bezeichnen.
Er ist stets in eine einfache braune Mönchskutte gewandt, die von einem einfachen Seil zusammengehalten wird (keine Kordel! Er ist auch kein echter Mönch und war nie im Kloster. Er sieht sich als jemand, der etwas außerhalb der Kirche für Theus eintritt). Mehr als einen Beutel mit Reiseproviant, den er an einem Stab über dem Rücken trägt und sein Breitschwert, das in der Scheide steckt und den Panzerhandschuh, welche er beide in ein einfaches Stück Stoff gewickelt hat und nur herausholt, wenn es notwendig ist und ein grob geschnitztes Kreuz des Propheten, daß er um den Hals trägt, hat er nichts bei sich. Trotz seiner schlichten Erscheinung achtet er sehr auf Reinlichkeit, wobei er nur klares Wasser nutzt. Den Pin der Schwertmeistergilde hat er übrigens versetzt und das Geld einem Kloster gespendet.
Charakter: Tobias ist ein durch und durch gläubiger Mensch, der auf einer Mission ist, den Hass und den Wahnsinn zu bekämpfen. Seine Erlebnisse im Krieg ließen ihn zu dem Schluß kommen, daß Gewalt nur angewendet werden sollte, wenn es unabwendbar ist. Er empfindet keine Befriedigung darin, einen Gegner zu besiegen, sondern eher Mitleid mit dem, der meinte, einen Kampf zu provozieren. Er versucht seine Gegner nur kampfunfähig zu machen, aber nicht umzubringen. Allerdings läßt sich das nicht immer aufgrund der brutalen Art der Eisenfaust-Schule vermeiden. Wenn das aber passiert, dann trauert Tobias um sein Opfer wie um einen guten Freund, den er verloren hat. Er ist immer noch vactinischen Glaubens und beichtet regelmäßig.
Ehre und Ruhm sind ihm allerdings mittlerweile fremde Begriffe. Auch, wenn er fair kämpft und immer ehrlich ist, so macht er das niemals der Ehre wegen, sondern lediglich um sich und andere zu verteidigen.
Wenn jemand Hilfe benötigt, gleich wer es ist, so wird er sie ihm nicht verweigern.
An Alkohol, dem anderen Geschlecht und sonstigen weltlichen Vergnügungen hat er vollkommen den Geschmack verloren.
Auch wenn er immer noch Mitglied der Schwertmeistergilde (die Prüfung legte er zu seiner Universitätszeit ab) ist, so betrachtet er sich doch als nicht mehr dazugehörig. Er hat es bloß nicht als notwendig empfunden, sich abzumelden.